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prepared spaces

PART I-III

Die musikalische Trilogie prepared spaces, 2013 als Doppel-CD veröffentlicht, ist eine Sammlung konzeptgebundener Improvisationen, die im August 2011 in einem ehemaligen Berliner Wasserspeicher ohne Publikum uraufgeführt und aufgezeichnet wurde.

Im Zentrum der vorbereitenden Arbeiten stand eine monatelange Auseinandersetzung mit den besonderen klanglichen und atmospherischen Gegebenheiten der unterirdischen „Reinwasserhallen“.
Dabei wurde bald deutlich, dass eine Aufführung des Werkes
prepared spaces an diesem besonderen Ort nicht mit Publikum würde stattfinden können, da sich dort zum einen kleinste Nebengeräusche, wie Hüsteln, knirschende Sandkörner am Boden und sogar das Rascheln von Kleidung, extrem verstärken und viel zu sehr vom musikalischen Geschehen ablenken würden, und da sich zum anderen die besonderen akustischen Eigenschaften der Gewölbe mit jedem anwesenden Zuhörer normalisieren, sodass ein größeres Publikum nur noch einen Bruchteil des eigentlich faszinierenden Klanges würde erleben können.
So wurde daran gearbeitet, die raumakustischen Gegebenheiten möglichst detailgetreu aufnehmen zu können, was schließlich mittels einer komplexen Mikrofonierung zu überzeugenden Ergebnissen führte.

Die Aufnahmen wurden
nicht mit künstlichem Hall oder mit Overdubs nachbearbeitet.
Stattdessen wurden die Möglichkeiten moderner Aufnahmetechnik lediglich dazu verwandt, den beeindruckenden Raumklang der
Reinwasserhallen möglichst originalgetreu abzubilden.



CD 1

PART I
prepared spaces for FUJARA No. 1-16



CD 2

PART II
prepared spaces for HULUSI No. 1-5

PART III
prepared spaces for MBIRA No. 1-3



In PART I-III der musikalischen Trilogie prepared spaces konfrontiert Marco Trochelmann drei Instrumente (FUJARA/Europa, HULUSI/Asien, MBIRA/Afrika) mit den extremen akustischen Gegebenheiten eines ehemaligen Berliner Wasserspeichers. Dabei entfaltet sich das Partial- oder Obertonspektrum der Instrumente auf beeindruckende Weise und die natürlichen, sehr langen Nachhallzeiten des einzigartigen Aufnahmeortes ermöglichen eine verblüffende, solistisch erzeugte Mehrstimmigkeit, die außerhalb dieses besonderen Raumes nicht, bzw. nur näherungsweise mit technischer Hilfe, realisierbar wäre. Die extrem langdauernden Ausschwingvorgänge der Töne, Klänge und Geräusche wirken sich intensiv auf die Zeitwahrnehmung des Zuhörers aus, was als „akustisch evozierte Entschleunigung“ bezeichnet werden kann.
Die entfesselten Töne und Obertöne entwickeln ein faszinierendes Eigenleben. Sie scheinen durch die Gewölbe zu tanzen, verschmelzen miteinander und lösen sich wieder voneinander ab. Marco Trochelmann moderiert dabei ein musikalischen Geschehen, dass zwischen dem Instrument, dem Raum und ihm selbst stattfindet, indem er unterschiedlichste musikalische Impulse setzt, den Raum klanglich Flutet, um dann das Pausengeschehen abzuwarten, welches den weiteren Fortgang der musikalischen Entwicklung maßgeblich beeinflusst.





REFLEXIONEN


Es ist verzaubernd und ernüchternd zugleich, dass diese profanen Gemäuer bei entsprechendem Licht wie heilige Hallen erscheinen und dass ihre atemberaubende Raumakustik lediglich ein Nebeneffekt einer rein funktionalen Bauweise ist, den man nur erleben kann, weil für den Ort in seiner ursprünglichen Funktion keine Verwendung mehr besteht. Der Raum, der einst stetig mit sauberem Trinkwasser gefüllt wurde, ist seit Jahrzehnten leer und wird nur in unregelmäßigen Abständen von Stimmen, Geräuschen und Musik erfüllt. Die meiste Zeit über regt sich in ihm kein Laufthauch.
Es ist ein stiller Ort, vielleicht sogar der stillste (auch wenn man „still“ nicht steigern kann) Ort, an dem ich in Berlin jemals war. Dieser alte unterirdische Wasserspeicher am Rande der Großstadt war für mich als Ort wahrhaftiger Stille wie ein Quell in der Wüste, eine Oase im immer schneller und lauter werdenden Treiben der ewig rastlos lärmenden Metropole. Ein Ort echter, durch Akustik evozierter, Entschleunigung.

Wenn man in diesen Raum hineinspielt, dann ist es so, als könnte man sich in den Klang hineinlegen. Er umspült einen mehrere Sekunden lang. Sound-baden. Gebraucht man seine Ohren, um den zunächst wabernden Klang zu erforschen (da der gespielte Ton so lange andauert, hat man Zeit ihn genauestens wahrzunehmen) so stellt man fest, dass die Töne und Klänge in ihrer Räumlichkeit erlebbar werden und man in ihnen regelrecht gedanklich herumwandern kann, indem man sich bald auf diese bald auf jene Schwingungen des reichhaltigen Spektrums konzentriert.

Manchmal ist es, als würde man emporgehoben, in dem Moment nämlich, indem der Atem endet, der Ton jedoch nicht abbricht, sondern in beinahe gleichbleibender Lautstärke sekundenlang weiter schwingt. Es entsteht dann die Wirkung einer akustischen Zeitlupe, denn der losgelassene, längst gespielte Ton verweilt zwischen den Wänden, anstatt naturgemäß mit dem Ende des Ausatmens zu verklingen, und beginnt durch die Reflexionen an den feuchten Betonwänden ein überraschendes Eigenleben zu entwickeln, tanzt durch die Räume und fordert den Musiker zum Duett auf.

Wie ein Nachbild auf der Netzhaut verblasst jeder Ton ganz allmählich und geleitet den Hörer behutsam in die Stille.

Diesen Weg gehen die Töne tänzelnd und mit so reichhaltigem Variationenspiel von klanglichen Reflexionen, sodass der Hörer, der zu lauschen beginnt, sich immer tiefer in die Stille hineinbegibt und gleichsam immer mehr Nuancen wahrzunehmen im Stande ist. Zeitgleiches Pulsen unterschiedlicher Obertöne in ihren entsprechenden Geschwindigkeiten, von links nach rechts und von vorn nach hinten wandernde Wellen, und das alles, nachdem der Ton längst der Kontrolle des Musikers entbunden wurde.

Die Pausen sind die musikalischen Räume, in denen sich entfaltet, was zunächst durch Melodien, Akkorde, Rhythmen oder Geräusche vorbereitet wurde.

Lauscht man den Tönen bis zu ihrem Verklingen nach, so ist man sich am Ende oft nicht sicher, ob noch etwas klingt oder nicht, weil gleich die Erinnerung an den bewegenden Klang die Stille zu füllen beginnt.

Marco Trochelmann




Komposition und Interpretation
Marco Trochelmann

Aufnahmeleitung
Jürgen Kramer

Premastering
Marco Trochelmann - tonfinder

Mastering
Peter Weinsheimer - PICAROmedia

Fotos
André Micklich

Grafik
Marco Trochelmann
Kristin Huckauf

Übersetzungen
Benjamin Gente

Produktion
tonfinder 2013